Idee // Das Studium an der HFBK möchte ich gerne dazu nutzen, um an einem neuen Filmprojekt zu arbeiten, das in der künstlerischen Herangehensweise an ein vorheriges Filmprojekt anschließen soll. Mein experimenteller Debut-Film (Dokumentarlangfilm) « Fonja » erzählt über den Ort des Jugendgefängnisses Antanimora in Madagaskar aus der Perspektive der jungen Inhaftierten, die sich gegenseitig und ihre Umgebung durch die Kamera neu entdecken. Mit meinem aktuellen Filmprojekt « Arabe » will ich nun die Welt der Jugendlichen außerhalb des Gefängnisses thematisieren. Viele der Jugendlichen leben auf der Strasse, wo sie in die Strukturen von Strassengangs und Clans zurückkehren.

 

In „Arabe“ möchte ich das Alltagsleben der Jugendlichen aus der Innensicht heraus beleuchten. Es geht um interne Regeln, Machtstrukturen und Zusammenhalt, um Träume und Ängste und den schmalen Grad zwischen Schuldgefühlen, Reue, Stolz und dem Streben nach Ansehen inmitten der Gesellschaft.

 

Die Eigeninitiative und Energie der der Ex-Inhaftierten, sich in dieses Filmprojekt einzubringen, indem sie erneut die Kamera führen werden, eröffnet die große Chance auf einen authentischen und persönlichen Blick in das Leben der Jugendlichen auf der Strasse, das neben dem Gefängnis einen anderen weiteren Mikrokosmos darstellt, in dem Werte und Normen selbst geschaffen und Rollen und Regeln verteilt werden.

Zum Ort // Die 3 Mio. Einwohner große Hauptstadt Antananarivo ist im Hochland gelegen. Nicht weit voneinander entfernt reihen sich hier prunkvolle Villen mit hohen Zäunen an vor dem Zerfall stehende Kolonial-Bauten, einfache Backsteinhäusern und Wellblech-Hütten. Neben lebhaften Marktplätzen, Autolärm und Abgasen befinden sich immer wieder kleine Reisterassen.

Das Leben der Ex-Inhaftierten spielt sich in bestimmten Vierteln ab und hängt von den Gelegenheit-Jobs (zum Beispiel das Helfen beim Be- und Entladen von Bussen am Busbahnhof), gelegentlichem Taschendiebstahl im Stadtzentrum in der Nähe des Marktes, den Schlafmöglichkeiten in einem verlassenen Bahnhof und den Treffpunkten für gemeinsame Spiele oder Sport.

Protagonisten und Zugang // Die Protagonisten sind vier Jugendliche, die bereits im vorherigen Filmprojekt im Gefängnis eine große Rolle gespielt haben. Sitraka, Adriano und Bota wurden nacheinander entlassen und leben seit Anfang 2020 wieder in Freiheit. Ich bin in regelmäßigem Kontakt mit ihnen und sie erzählen mir ab und zu von ihrem „neuen“ Leben. Schon während ihrer Haft sprachen die Jugendlichen oft mit sehr unterschiedlichen Gefühlen über die „Außenwelt“. In einem längeren Gespräch Anfang 2019 erzählte mir Sitraka von seinen Wünschen aber auch Unsicherheiten und Ängsten draußen in der Gesellschaft. Neben großen Plänen für seine Zukunft: er würde gerne Pastor, Auto-Mechaniker, Schauspieler oder Filmemacher werden, wie er mir erzählte, äußerte er auch Bedenken. Wie sollte er Anschluss finden? Wie könnte er einen Ausbildung nachholen, vor allem durch die viele Zeit, die er nun im Gefängnis verloren hatte? Wie würde er von anderen wahrgenommen werden? Wie sollte er eine Frau finden? Wie würde sich seine Rolle und seine Funktion innerhalb einer neuen Gruppe oder Gemeinschaft verändern? Die Eingliederung und der Anschluss gelingt nur wenigen. Vor allem der fehlende Rückhalt aus der eigenen Familie, die es im Falle der Jugendlichen Waisen schon lange nicht mehr gibt, macht einen Neustart besonders schwierig. Die eigene Gang oder Gruppe, in der sich viele Jugendliche auf der Straße organisieren, hat durch die fehlende eigene Familie einen besonders hohen Stellenwert. Teil zu sein bedeutet aber auch das Befolgen der internen Regeln und die Eingliederung in ein stark hierarchisiertes System mit festen Rollen. Dafür bietet die Gruppe Schutz und gegenseitige Hilfe. Durch den Zusammenhalt, gegenseitiges Vertrauen und den innigen und zum Teil sehr liebevollen Umgang miteinander schaffen sich die Jugendlichen unter den widrigsten Umständen, das, was sie am meisten vermissen: Nähe, Zuneigung, Sicherheit aber auch Anerkennung und Verantwortungsgefühl.

Diese Realität, die inmitten der Gesellschaft stattfindet und doch ungeachtet und ungesehen von ihr ‚parallel-existiert‘, steht im Zentrum meines Interesses für dieses Thema.

Zur Methode // Das Entdecken, Beobachten, das Suchen und Finden auf allen Ebenen, frei von den klassischen Regeln eines Dokumentarfilms, steht bei meiner Arbeits- und Herangehensweise im Vordergrund.

Neben dem Festhalten von Geschehnissen stellt für mich das Medium Film vor allem eine Form des eigenen Ausdrucks dar, die mir hilft zu ordnen, zu verarbeiten, zu vergleichen, zu verstehen und zu erfragen. Wichtig für mich ist die Auseinandersetzung und die bewusste Entscheidung, auf welche Weise  das « Eintreten » in private oder öffentliche Räume und damit das Erzählen einer Geschichte passiert und wie ich durch partizipatorische Konzepte und Ideen einen natürlichen, authentischen und ehrlichen Aufbau der Beziehung zwischen Protagonist, Filmemacher und der Kamera herbeiführen kann.

Neben der dokumentarischen Funktion der Kamera bin ich besonders interessiert daran, wie die Jugendlichen die Kamera außerdem als Ausdrucksmittel und Ventil für ihre Kreativität und Fantasie nutzen und auf welche Art sie Szenen aus ihrem Alltag einfangen.

Vorgehensweise // Den bereits bestehenden und engen Kontakt mit den Protagonisten möchte ich gerne für dieses Filmprojekt nutzen. Die Jugendlichen sind einerseits daran interessiert, weiter und erneut mit der Kamera zu arbeiten. Viele haben das Filmen während des 4-monatigen Filmworkshops im Gefängnis bereits als regelmäßige Tagesaktivität in ihren Alltag übernommen und sind sicher und souverän in der Handhabung der Kamera. Andererseits besteht nach wie vor das große Interesse die Kamera bzw. das Medium Film auf unterschiedlichste Weise zu nutzen und neu zu erfinden. 

 

Partner // Auch für dieses Filmprojekt, wie für das vorherige, möchte ich Fujifilm als Sponsor von Kameras wiedergewinnen, um zwei zusätzliche Kameras für die partizipatorischen Dreharbeiten zur Verfügung zu haben.

Ich plane eine Zusammenarbeit mit dem amerikanisch-madagassischen Filmemacher und Filmprofessor Antoine Bourges, der sich als Produzent an meinem Projekt beteiligen würde. Eine Recherchephase mit den Jugendlichen in Antananarivo soll dem Projekt vorausgehen.

Ausblick // Im Rahmen eines Master Studiums im Schwerpunkt Film an der HFBK würde ich gerne diese Projektidee weiterverfolgen und mir gleichzeitig Raum für neue Inspirationen, Ansätze und Methoden bei der Realisierung lassen. Gerne würde ich das große Potential der HFBK nutzen, mich mit anderen Studierenden auszutauschen und in den Professoren direkte Ansprechpartner und Mentoren für dieses Projekt zu finden und an der Weiterentwicklung arbeiten, um meinem intensiven Interesse zu dem Ort und der Lebensrealität ‚Straße‘ sowie der inhaltlichen Ausarbeitung und künstlerischen Umsetzung des Filmes „Arabe“ nachzugehehn.